Die Zeit ist so schnelllebig. Wir konsumieren innerhalb von wenigen Sekunden so viele Informationen, einen Großteil davon unbewusst. Es wird erwartet, dass alles schnell geht, dass man immer zur Verfügung steht, stets und ständig reagiert. Oft wird die Zeit einfach nur „weggescrollt“ oder „gewischt“, ohne dass wir wirklich Notiz von ihr nehmen.
Wenn ich mir die Begrifflichkeit „die Zeit totschlagen“ mal auf der Zunge zergehen lasse, stelle ich fest, dass es, zumindest in meinem Fall, treffender kaum formuliert sein könnte. Ich verlor mich im Privatleben schon so oft in Tätigkeiten, die mich langfristig eigentlich nicht wirklich zufriedenstellten, wie eben dem unendlichen Scrollen auf Social-Media-Plattformen. Diese scheinbar harmlosen Ablenkungen summierten sich mit der Zeit und ließen mich immer wieder mit dem Gefühl zurück, dass die Tage einfach an mir vorbeiziehen, ohne dass ich sie wirklich bewusst erlebe.
Mich hat das irgendwann ziemlich frustriert, weshalb ich dann nach Maßnahmen suchte, die für mich gut funktionieren. Also begann ich, die Achtsamkeit in mein Leben zu lassen. Ich wollte nicht mehr nur Beobachter meines eigenen Lebens sein, sondern wirklich anwesend, wirklich spüren, was um mich herum passiert. Das ist allerdings leichter gesagt als getan.
„Die Fotografie ist für mich ein Ventil geworden, eine eigene Sprache, die Möglichkeit, meinen Kopf zu entlasten.“
Zeitweise klappt es unfassbar gut, achtsam zu sein. Ich bin dann im Moment, nehme meine Umgebung bewusster wahr, lasse mich nicht von ständigen Ablenkungen aus dem Hier und Jetzt reißen. Doch manchmal stelle ich nach einigen Tagen oder Wochen fest, dass ich es wieder habe schleifen lassen. Und das passiert immer und immer wieder – für mich ist es unfassbar schwierig und bedarf einiges an Zeit, neue Verhaltensweisen und Umgangsformen in einer Routine zu festigen. Man sagt, dass es etwa 21 Tage dauert, um eine neue Gewohnheit zu etablieren, aber für mich fühlt es sich oft eher wie ein lebenslanger Lernprozess an.
Da ich mich nun eben nicht ununterbrochen von selbst daran erinnere, meine Umgebung bewusst wahrzunehmen, habe ich irgendwann begonnen, die Fotografie als Werkzeug zu nutzen. Denn was ich irgendwann bemerkte: Wenn ich fotografiere, bin ich auf einer Art und Weise achtsam, wie es mir in anderen Momenten oft nicht gelingt. Mit der Kamera in der Hand scanne ich mein Umfeld bis ins kleinste Detail ab. Jedes Mal, wenn etwas eine Emotion in mir auslöst, wird eine Sekunde meiner Wahrnehmung daran gehindert, unbemerkt weiterzuziehen. Ich nehme das Licht bewusster wahr, die Farben, die Stimmungen, die kleinen, oft übersehenen Gesten und Momente.
„Die Fotografie ist mehr als nur ein Handwerk oder eine Kunstform. Sie ist meine Art, innezuhalten, das Leben in seiner Tiefe zu spüren.“
Besonders die Fotografie in der Natur auf der Insel Rügen ist für mich eine wichtige Auszeit, die ich mir von Zeit zu Zeit nehmen muss. Dort, umgeben von Küstenlandschaft, endlosen Stränden, dichten Wäldern, einer so krassen Pflanzen- und Tiervielfalt, finde ich eine besondere Ruhe. Hier gibt es überall Orte, an denen ich den wuseligen Alltag hinter mir lassen und mich vollkommen auf das Hier und Jetzt konzentrieren kann. Die Natur schenkt mir Inspiration, Klarheit und den Raum, den ich brauche, um meine Gedanken zu ordnen. Jeder Spaziergang mit der Kamera wird zu einer Entdeckungsreise, bei der ich alles viel intensiver wahrnehme.
Die Fotografie ist für mich ein Ventil geworden, eine eigene Sprache, die Möglichkeit, meinen Kopf zu entlasten, meine Erinnerungen zu konservieren und das zu dokumentieren, was für mich Bedeutung hat und Gefühle erzeugt. Ich kann durch meine Bilder ausdrücken, was ich in Worten nicht beschreiben kann. Manchmal sind es die Augenblicke voller Optimismus, manchmal sind es leise, nachdenkliche Momente – aber sie alle erzählen eine Geschichte.
„Nicht mit mir – ich halte zumindest Bruchteile davon fest: Momente für die Ewigkeit.“
Mit meiner Kamera in der Hand habe ich das Gefühl, ich könne die Zeit für eine Sekunde überlisten. Das Leben braucht gar nicht zu glauben, dass es einfach so an mir vorbeimarschieren kann. Nicht mit mir – ich halte zumindest Bruchteile davon fest: Momente für die Ewigkeit. Sie sind für immer da, sie können nicht altern und schenken verblassten Erinnerungen immer wieder frische Farbe.
Ob positiv oder schmerzhaft – die Zeit hat mit Fotografie eine heilsame Seite. Manche Bilder mögen wir eine Weile nicht ansehen, weil sie uns an Dinge erinnern, die wehgetan haben. Doch ihr Wert bleibt bestehen. Mit Abstand betrachtet, können sie uns irgendwann wieder ein Lächeln schenken und uns immer wieder daran erinnern, wer wir sind – die Summe unserer Erlebnisse und Erinnerungen.
Und genau das ist es, was die Fotografie für mich bedeutet. Sie ist mehr als nur ein Handwerk oder eine Kunstform. Sie ist meine Art, innezuhalten, das Leben in seiner Tiefe zu spüren und den Momenten die Wertschätzung zu geben, die sie verdienen. In einer Welt, die sich immer schneller dreht, ist sie mein Anker – ein Weg, das Jetzt nicht zu verpassen.